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Wie fühlt man sich wenn alles vorbei ist?

Am Anfang ist man erleichtert. Man hat es geschafft, alles ist gut gegangen. Aber schlussendlich ist es auch schade, dass eine so schöne Reise zu Ende gegangen ist.

Dann fällt man in ein Loch. Was mache ich als nächstes? Es fällt zunächst schwer, sich für ein neues Projekt zu motivieren. Jedenfalls mir. Ich mache keinen Film, um Geld zu verdienen. Ich mache auch keinen Film halbherzig. Ich mache einen Film mit Haut und Haaren und manchmal fühlt es sich an, als wäre ich bereit mein Leben für das Projekt zu geben.

Wie soll das bei dem nächsten Film noch eimal gehen?

Ende des Sommers 2008 flogen wir wieder zurück von Hamburg nach Los Angeles und ich hatte keine Idee, was ich als nächstes machen sollte. Ich fuhr morgens in mein Büro - von Los Feliz, wo ich wohne, nach West-Hollywood, wo mein Büro ist, und im Auto hörte ich einen Song im Radio. Während ich den Song hörte hatte ich eine Idee für mein nächstes Drehbuch. Die Melodie regte etwas in mir an. Ich setzte mich an meinen Rechner, öffnete Final Draft, schrieb AUFBLENDE… und vier Wochen später hatte ich die erste Fassung zu einem Drehbuch, das jetzt “Bis Morgen” heisst. Ok, ich habe vorher noch ein Treatment geschrieben… aber ungefähr so war es.

Musik bewegt bei mir viel. Ich schreibe fast jede Szene während ich Musik höre. Manchmal höre ich einen Song fünfzig mal hintereinander, weil ich Ihn brauche, um die Emotion einer Szene richtig zu treffen. Insofern sage ich: Danke an die Musik! Ohne sie hätte ich weder Phantomschmerz noch dieses neue Buch schreiben können.

Und langsam kann ich mir auch vorstellen, auf eine neue Reise zu gehen. Einen Produzenten zu finden, den Film zu casten, zu finanzieren, vorzubereiten, zu drehen, zu schneiden, zu mischen, ins Kino zu bringen, auf die Kritiken und die Besucherzahlen zu warten… und einen Director’s Blog zu schreiben.

Wie es mit diesem Blog hier weitergeht, kann ich momentan noch nicht sagen. Vielleicht werde ich ihn trotzdem weiterführen, vielleicht auch unter einer neuen URL… Ich danke euch allen erst einmal dafür, dass ihr mich auf dieser Reise begleitet habt und werde natürlich auch weiterhin hier alles an Fragen und Kommentare beantworten.

Wir waren mit Phantomschmerz schon vor 1 ½ Ritter fertig, wir starteten aber trotzdem später in den Kinos. Diese Entscheidung lag letztlich bei Warner. Es gab dafür mehrere Gründe. Im Herbst 2008 hatte Til den Uwe Boll Film, Far Cry, im Kino und gleich danach zu starten wäre schon rein pressemässig nicht gut gewesen.

1 ½ Ritter sollte auf jeden Fall über die Weihnachtstage starten, nachdem Keinohrhasen das Jahr vorher auf dem gleichen Starttermin so erfolgreich war. Und so kam es, dass Phantomschmerz ins Frühjahr geschoben wurde. Ich denke aber trotzdem, dass der Termin sehr gut ist.

Die ganze Marketing-Phase war für mich sehr spannend und wichtig – und ich konnte kaum glauben, dass am Ende Til mit Stevo zusammen bei Johannes B. Kerner in der Talk-Show saßen und über den Film redeten.

Zum Glück habe ich mit Warner einen Verleih, der besonders gut im Marketing ist. Es ist, glaube ich normal, dass man als Regisseur immer denkt, dass man alles besser weiß. So war das auch hier. Ich habe ziemlich laut – manchmal zu laut – meine Meinung zum Poster, zum Trailer, zur Premiere, zur Online-Media Kamapgne, zu einfach allem gesagt. Aber es war auch ein Lernprozess für mich. Man muss als Regisseur lernen, sein “Baby” irgendwann jemand snderem anzuvertrauen, der im Zweifelsfall eben besser Bescheid weiß als man selbst. Trotzdem ist es nicht verkehrt, sich bemerkbar zu machen, wenn man an etwas glaubt. Und ich glaube an Phantomschmerz.

Jetzt ist der Film fertig, er läuft schon seit einiger Zeit im Kino und ich werde oft gefragt, wie sich das Endprodukt von meiner anfänglichen Vision unterscheidet. Um ehrlich zu sein, ich weiß gar nicht mehr, wie der Film in meinem Kopf vor Beginn des Drehs aussah. Die Bilder, die ich inzwischen zigtausendmal gesehen haben, haben sich irgendwie über meine Bilder in der Vorstellung geschoben. Es ist wie ein dichter Nebel der über den Erinnerungen liegt. Aber ich glaube, der Film ist besser geworden als ich Ihn mir vorgestellt habe. Klingt komisch, oder? Aber es fühlt sich so an.

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Letztlich ist es so, dass man Tausende von Entscheidungen während der Produktionsphase eines Films trifft. Wichtig ist nur, dass jede Entscheidung gut und ehrlich ist. Ob sich mit dieser Entscheidung der Film von dem Bild im Kopf wegbewegt oder nicht, ist egal. Gute Entscheidungen, nicht zuletzt bei der Wahl der Departmentheads, machen es wahrscheinlicher, dass der Film am Ende richtig gelungen wird.

Musikalisches

Durchweg positiv war bei dem Testscreening das Urteil über die Musik.

Martin Todscharow, der Komponist, ist ein riesen Typ. Unglaubliches Talent. Ich habe keine Ahnung, wie er das hinkriegt, so viele tolle Filme in einem Jahr zu machen und trotzdem immer wieder eine ganz eigene Musiksprache zu finden. Ich selbst habe eine sehr spezifische Vorstellung von Musik und wollte auf jeden Fall einen Dialog mit dem Komponisten haben – und Martin war in der Hinsicht sehr offen und geduldig.

Die richtige Musik zu finden ist ein relativ langer Prozess. Während des Schnitts lege ich an die Stellen, bei denen ich denke, dass da Musik hingehört, zunächst das, was man Lay Out Musik (in den USA Temp-Music) nennt. Das ist eine Mischung aus klassischem Filmscore und Songs aus meiner I-Tunes library. Auf jeden Fall Sachen, von denen ich denke, dass sie die Emotionen treffen. In dem Moment achte ich noch nicht darauf, ob die Musik auch zum Film passt. Es kann also sein, dass ich da einen riesigen Hollywood Score auf eine Szene lege (was natürlich noch gar nicht zum Film passt), aber der Score trotzdem schon die Emotionen trift, die ich am Ende in der Szene haben will. Nur darum geht es in dem Moment. Separat davon suche ich nach Score und Songs, die vielleicht nicht unbedingt die Emotionen treffen, die aber vom Stil her zu meinem Film passen. Da war z.B. ein Score von Gustavo Santaolalla aus ‘21 Grams‘, der mir gefiel (“Should I let her know”) und der von der Tonalität her zu Phantomschmerz passte. Der Sia Song, der über der Titelsequenz liegt, war der einzige Song, den ich schon im Lay Out hatte, und den wir nacher auch lizensiert haben.

Ich beginne eigentlich erst dann, mich mit dem Komponisten auszutauschen, wenn ich selbst schon ziemlich sicher bin, wo welche Art von Musik hin soll und wie lang hin die Stücke sein müssen (zum Vergleich: Til, der auch schon während des Drehs schneidet, lässt sich vom Komponisten schon währen des Drehs Musik schreiben, um sie über Szenen zu legen und zu sehen, ob sie funktionieren). Danach fing Martin Todscharow an, Vorschläge zu machen. Er brachte dann selbst Score Musik von anderen Filmen rein und schlug auch Songs vor, zunächst ungeachtet davon, ob wir die später lizensieren können oder nicht. Es geht zu dem Zeitpunkt erst einmal darum, eine Musiksprache zu finden die uns gefällt.

In Anschluss fing Martin mit dem komponieren an. Ich traf mich dann mit ihm in seinem Studio in Berlin, wo er mir die ersten Stücke vorspielte… beginnend mit der ersten Szene. In diesem Fall hatte er in der ersten Runde vielleicht sechs oder sieben Stücke geschrieben. Eines davon hatte einen ganz bestimmten Klang, der mir sehr gut gefiel (und zwar der Score, der kurz vor der Funkturmszene über dem Fahrradfahren liegt) und der anders war als die restlichen. Ich habe ihm dann gesagt, er soll in der Richtung dieses einen Stückes weiterarbeiten und erklärte ihm auch genau, welche Tonfolgen und Instrumente mir gefallen hatten.

In der zweiten Runde hat mir dann praktisch jeder Song gefallen und wir haben dann Stück für Stück dran gearbeitet und ich bin jedesmal von Hamburg nach Berlin gefahren, um Ihn zu treffen.

Bei den Songs hat er mir viele CDs von diversen Bands vorgespielt und ich habe dann gesagt, was mir gefällt. Einige Sachen sind hier in Deutschland komplett unbekannt, wie z.B. Rachael Yamagata oder Sia. Andere ein bischen bekannter, z.B. TomMcRae. Nick Drake ist natürlich ein Klassiker.

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Als ich in das Loft von Film 1 kam, ahnte ich allerdings nichts Gutes. Das “Screening” sollte auf einem alten Fernseher aus den achtziger Jahren mit katastrophaler Bild und Tonqualität stattfinden. Die Bildschirmgrösse war etwa die eines kleinen Laptops. Schon in der zweiten Stuhlreihe konnte man praktisch nur noch den Hinterkopf des Vordermanns sehen. Nicht besser war die Ansage der Produzenten als dann alle saßen: “Ich bitte Euch alle bitte ganz ehrlich zu sein. Wir wissen, dass da noch viel Arbeit notwendig ist”. Shit….praktisch gab es eine Entschuldigung an alle, bevor jemand auch nur eine Szene gesehen hatte.

Schnitt auf 99 Minuten später. Ich schwöre, der erste Satz einer der “Freunde” war tatsächlich: “Ähmmm….wie lange ist denn der Film jetzt”. In den folgenden zwei Stunden “offener Diskussion” wurde der Film, wie Til sagen würde, in die Tonne getreten.

Ich verabschiedete mich so gegen Mitternacht, obwohl noch bestimmt sechs Leute wild diskutierten. Ich war tief deprimiert, ging in mein Hotel und schlief schlecht. Am nächsten Morgen rief ich Martina an. Sie klang mitleidig: “Wie geht’s Dir denn?” Komischerweise hatte ich die Depression, sehr zu Martina’s Unverständnis, überwunden und war voller Tatendrang. Ich traf einen der Produzenten zum Mittagessen. Auch er hatte Mitleid mit mir – versicherte mir aber, das alles gut werden würde. Sein Gesicht verriet allerdings im Gegenteil eher größte Besorgnis, um es milde auszudrücken.

Einen Tag später waren Martina und ich wieder im Schneideraum bei VCC in Hamburg und arbeiteten eine Woche durch. Dann lud ich Til ein, sich den Schnitt zum ersten Mal anzugucken. Til kam und als das Licht anging meinte er: — “Wie lang is’n das Ding jetzt?”. Jetzt war ich allerdings langsam leicht beunruhigt, denn der Schnitt war definitiv sehr viel besser als noch eine Woche vorher. Ich lud Til ein, ein paar Tage mit uns im Schnitt zu verbringen, denn ich habe grosse Achtung vor seiner Meinung. In diesen drei Tagen habe ich ihn sehr gut bei der Arbeit beobachten können und es war sehr beeindruckend. Er hat auf jeden Fall eine ganz grandiose Gabe dazu, “Zug” in eine Szene oder Szenensequenzen zu bringen. Er ist einfach gut. Sehr instinktiv. Nach drei Tagen verabschiedete er sich und wir arbeiteten nochmal ein paar Tage und präsentierten dann die neue Fassung, die nun 93 Minuten lang war, den Produzenten. Sie waren begeistert. Um es gleich vorweg zu nehmen: von da an waren alle, die den Film in den folgenden Wochen und Monaten zu Gesicht bekamen, begeistert. Natürlich nicht wirklich jeder Einzelne. Aber die Meisten. Der Film kam plötzlich gut an.

Zwei Wochen später wurde das erste offizielle Testscreening angesetzt. 500 geladene Gäste im Mundsburg Kino in Hamburg. Eigentlich Grund genug für schlaflose Nächte und Durchfall. Aber ehrlich gesagt war ich erstaunlich ruhig, wenn man bedenkt, dass hier eigentlich über die Zukunft des Filmes entschieden wurde. Ist das Ergebnis katastrophal, wird kein Verleiher der Welt den Film mit einer hohen Kopienzahl in die Kinos bringen.

Ich setzte mich mitten ins Publikum und nicht in die Reihe wo alle Produzenten und Warner Leute sassen, um ein besseres Gefühl für die Stimmung zu bekommen. Reden die Leute abwesend über etwas Anderes, lachen sie, weinen sie, schreiben sie SMS, kichern sie, sind sie abgelenkt, gehen sie aufs Klo oder verlassen gar gelangweilt den Film? Jede Zuckung fällt einem als Regisseur in diesen Momenten wie durch einen Amplifier verstärkt auf. Als das Licht anging wurden die Testbögen verteilt. Ich erhielt auch einen, da der Verteiler nicht wusste, dass ich der Regisseur war. Ich füllte den Bogen nicht aus, sondern spähte nervös auf die Fragebögen in den Händen meiner Nachbarn und den Leuten die vor mir sassen. Links sah ich, wie der Mann ein Kreuz bei “Sehr gut” machte. Rechts gab es ein “gut” — Was? Nur “Gut”? Schon will man den Mann ansprechen, warum er sein Kreuz nicht bei “Sehr Gut” gemacht hat. Vor mir sah ich ein Kreuz bei “Ja, wahrscheinlich” auf die Frage “Würden Sie den Film weiter empfehlen?”.

Als ich rausging hatte ich ein gutes Gefühl. Die Anderen warteten draussen und hatten auch alle ein gutes Gefühl nach der Vorführung. Die Agentur, die die Fragebögen auswertete, brauchte zwei Tage für die ersten Resultate. Phantomschmerz ist ein Drama und Dramen schneiden grundätzlich schlechter in Testscreenings ab als Komödien. Wir hatten 79% bei der ersten Frage, das heisst: 79% der Zuschauer fanden den Film sehr gut oder gut. Der Schnitt bei Dramen liegt normalerweise so um die 65%. Erstaunlich war auch, dass der Film am besten bei Männern über 25 abschnitt – untypisch für einen Film mit Til Schweiger in der Hauptrolle. Insgesammt kam der Film gut an und Warner war zufrieden. Es war kein Top-Ergebnis, wie sie es z.B. mit Keinohrhasen erlebt hatten, wo über 95% der Zuschauer den Film sehr gut oder gut fanden. Aber hey, dies ist auch nicht Keinorhasen. Dieser Film ist schwerer zu verdauen und es ist kein Film, den man mal so eben weiterempfiehlt, weil, wie ich von Warner spatter lernte, man sich als Zuschauer mit dem weiterempfehlen eines Film eine Art Visitenkarte austellt – und das fällt dem durchschnittlichen Zuschauer bei Komödien, also leichterer, unverfänglicherer Kost, deutlich leichter. Ich war ok.

In kreativer Hinsicht ergaben sich keine neuen Erkenntnisse. Oft stellt sich in solchen Testscreenings heraus, dass die Zuschauer z.B. mit einer bestimmten Szene ein Problem haben, eine Figur oder die Musik nicht mögen, oder dass etwas unklar bleibt. Bei Phantomschmerz gab es das zwar auch, aber die Meinungen teilten sich eher als dass sie ein eindeutiges Urteil ergaben. Ich brauchte nach dem Screening praktisch nur noch ein paar Tage um den Final Cut des Films fertigzustellen.

Nach Drehschluss hatte ich ca. drei Wochen Zeit, um den ersten Rohschnitt zu präsentieren. Bei so einem Screening zeigt man dem Verleih, in diesem Fall Warner Bothers, zum ersten mal den Film. Der Rohschnitt war zu dem Zeitpunkt noch ca. 117 Minuten lang, der Ton und die Geräusche waren nicht gemischt, die Farbe nicht korrigiert, Musik nur temporär über Szenen gelegt, Sound-Effekte gab es an den meisten Stellen gar nicht und die Special Effekte fehlen. In der Theorie erwartet niemand, in diesem Stadium besonders von dem Film beeindruckt zu sein. In der Realität ist es allerdings so, dass, sobald das Licht nach der Vorführung angeht, alle, ausser dem Regisseur, gänzlich deprimiert sind. Es ist einfach zu schwierig, sich alles, was noch fehlt, dazuzudenken. Und meistens hängt der Film an vielen Stellen durch, ist langweilig und scheinbar orientierungslos. Ich selbst habe viele dieser Screenings als Produzent erlebt und erinnere mich gut an das typische erwartungsvolle Gesicht des Regisseurs im krassen Kontrast zu dem fassungslosen Entsetzen der Studio-Executives (in den USA nennt man den Verleih tradtionell das “Studio”, und der Executive ist der für den Film verantwortliche Mitarbeiter des Studios).

Der Produzent versucht dann, gegenüber dem Verleiher so zu tun, als ob alles ok ist: “Natürlich gibt es hier noch viel Arbeit zu tun, aber wir stehen voll hinter dem Film und wir finden, man kann schon deutlich das grosse Potential erkennen”. Der Executive des Studios verschwindet kurz nachdem (oder manchmal schon bevor) das Licht angeht typischerweise erst einmal aufs Klo, um sich dort panisch zu überlegen, was er sagen soll. Schliesslich war er es, der dieses Projekt seinem Boss vorgeschlagen hat. Was für ein Fehler, denkt er nun! Ist er seinen Job los? Wird der Film ein Desaster an den Kinokassen? Werden die Kritiker den Film in die Tonne treten? Zu diesem Zeitpunkt denkt jeder Abgesandte des Verleihs das Gleiche: Was für eine verdammte Fehlentscheidung, in diesen Film zu investieren! Wenn der Executive vom Klo zurück in den Screening-Room kommt, stellt er immer die gleiche Frage: “Ähmm…wie lang ist denn der Film jetzt?” Übersetzt heisst der Satz etwa: “Der Film war saulangweilig und orientierungslos und ich hoffe sehr, dass er spannender wird, wenn Ihr mindestens 20 Minuten rausgeschnitten habt!”.

In unserem Fall war es nicht anders. Als das Licht anging war Stille. Der Executive von Warner brachte mit bestem Pokergesicht noch ein gepresstes “Na ja, es ist zumindest jede Szene, die im Drehbuch war auch auf Film — ähmm…wie lang ist er denn jetzt eigentlich?” hervor. Trotzdem versuchten alle Freunde zu bleiben. Bloss keine Panik.

Martina Matuschewski, meine Cutterin, und ich gingen zurück in den Schneideraum. Zwei Wochen später hatten wir einen neuen Schnitt, der jetzt 99 Minuten lang war (übrigens: kürzer heisst nicht gleich schneller und besser. Einen Film kürzer zu machen, kann, wenn man das falsche rausschneidet, einen Film auch “länger” machen. Heisst, er fühlt sich länger an obwohl er faktisch kürzer ist). Wir hatten vor Allem, aber nicht ausschließlich, Schwierigkeiten mit dem ersten Akt (für “Nicht-Cineasten”: den ersten Akt einer Geschichte bilden die ersten ca. 30 Minuten eines Film. Der zweite Akt wird durch einen klaren Wendepunkt in der Geschichte eingeleitet und durch einen weiteren Wendepunkt nach ca. 90 Minuten des Film beendet, bevor es in den dritten und letzten Akt geht). Das Ende des ersten Aktes in Phantomschmerz ist der Unfall. Ohne jetzt groß auf die Grundregeln des klassischen Storytelling eingehen zu wollen: der erste Akt einer Geschichte erfüllt meist gewisse Grundstrukturen, das Ziel ist “to hook the audience” (auf Deutsch: der Zuschauer muss sich emotional auf die Story und deren Protagonisten einlassen). Wenn das nicht in den ersten 15 Minuten geschieht, hat man den Zuschauer meist für den Rest des Films verloren. Das Feuilleton schreit spätestens jetzt laut auf, aber meiner Meinung nach trifft das auch auf die meisten Art-House-Filme zu.

Der erste Akt von Phantomschmerz misachtet ganz bewusst einige Grundelemente des klassischen Storytellings. Es ist z.B. nicht sofort klar, was das Hauptdilemma des Protagonisten ist. Was muss er tun, um dieses Dilemma zu überwinden? Wer oder was ist der Antagonist? Na ja, und einige andere Sachen. Der Grund dafür war erstens, dass ich gerne Regeln missachte und zweitens… nichts. Fertig aus.

Moderne Geschichten folgen immer mehr ihren eigenen Regeln und es gibt viele Beispiele, gerade im Kino, wo gerade das Misachten der Grundregeln den Erfolg des Films ausmachen.

In diesem Fall war das allerdings nicht so. Der Film schwamm zunächst orientierungslos durch die Gegend. Als Zuschauer wusste man nicht, welche der vielen Handlungsstränge und Beziehungsachsen man folgen sollte. Das Resultat beim Zuschauer ist dann meistens einfach: Gehirn abschalten.

Martina und ich sahen das allerdings zunächst selbst nicht, weil wir so nah dran waren an dem Material. Stolz beraumten wir ein Testscreening in den Büros der Produzenten ein. Es wurden ca. 20 Leute eingeladen. Autoren, Regisseure, die Frauen der Produzenten, Freunde und andere die etwas zu sagen haben…

Full House

Ein Team wächst immer dann am Besten zusamen, wenn man an einer Location dreht, an der alle zusammen in einem Hotel wohnen können und nicht Abends zurück in Ihre Wohnungen fahren.

Wir drehten die letzten zwei Wochen in Hoechst und wohnten alle in einem recht trostlosen Hotel etwa 15 Minuten von Frankfurt entfernt.

Jedenfalls hatte einer aus dem Kamerateam einen Poker-Koffer zum Geburtstag bekommen und das führt dazu, dass praktisch jeden Abend über zwei Wochen Pokerabend war. Wir haben “Texas-Hold’Em” gespielt. Also die Art von Poker, die inzwischen auf jedem Sender weltweit beobachtet und gelernt werden kann.

Die Runde war: Chau, zwei oder drei Leute vom Kamerateam, Stipe Erceg, Benji, der Oberbeleuchter, ab und zu mal Torsten, First-Time-player Richard Sammel (der im Film den Oberarzt spielt) und ich. Das ganze schweisst zwar zusammen, aber führt auch zu brutalem Schlafentzug, da praktisch jeder, der sich vor drei Uhr morgens zurückzieht als Warmduscher gilt.

Mit jedem Tag wurde vor allem der Druck und die Gewinne auf der einen Seite bzw. Verluste auf der anderen größer. Getrunken wird natürlich auch. Jedenfalls von den meisten. Ich hatte mir allerdings vor Drehbeginn vorgenommen bis Drehschluss keinen Tropfen anzurühren – was ich auch durchgezogen habe. Insofern ging es mir morgens nicht so schlecht wie den meisten anderen Beteiligten.

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Am einem Abend lag ich mit meinen Gewinnen so weit vorne, dass ich praktisch nicht mehr einzuholen war. Zwei aus dem Kamerateam waren am Ende. Einer der Beiden spielte extrem konservativ, stieg immer schon nach einer Runde “sicherheitshalber” aus, und zog fast nur dann mit, wenn er direkt einen Royal Flush an in der Hand hatte. Na ja, jedenfalls wollte ich ins Bett, was natürlich als unsportlich galt, da ich schließlich alle Chips auf meiner Seite hatte. Die Anderen wollten, dass ich Ihnen die Gelegenheit gebe, alles zurückzugewinnen. Aber der nächste Drehtag drohte kompliziert und anstrengend zu werden und ich wollte fit dafür sein. So bat ich dem zweiten Kameraassistenten, Greg (genannt Action-Greg), mit mir um alles oder nichts zu spielen. Greg hatte vielleicht noch fünf Euro und nie einen substantiellen Gewinn gemacht – mein Angebot konnte also als mehr als fair gewertet werden. Ich schlug vor, Five Cards straight zu spielen. Unglaublich… aber er war natürlich einverstanden. Bei Five Cards Straight darf man einmal die Karten tauschen. Als ich Greg fragte, wie viele Karten er tauschen möchte, sagte er: “Keine… ich bin ok!“ Ich selbst hatte ein Full-House in der Hand und tauschte auch keine. Er tat mir leid, denn die Chancen, bei dem Spiel von Anfang an ein Full-House in der Hand zu haben, sind extrem gering. Wir setzten also beide alles. Ich decke meine Karten auf… ein Raunen geht durch die Runde, als die Mitspieler mein Full-House sehen… bis… Greg seine vier Asse aufdeckt… ich Ihm meine Chips rüberschiebe, aufstehe und ins Bett gehe.

Beim Frühstück am nächsten Morgen erfuhr ich dann allerding, dass die Geier dem armen Action-Greg die ganze Kohle in einem zweistündigen Marathon wieder abgenommen hatten.

Die Szenen vor Marcs Wohnung haben wir in der Wrangelstrasse in Kreuzberg gedreht. Berliner wissen, dass das ein etwas rauher Kiez ist. Sobald da das erste Parkverbotsschild aufgestellt wird, sammeln sich die ersten Türken, um zu gucken. Aber spätestens wenn raus ist, dass Til Schweiger mitspielt, ist da die Hölle los. Til wurde laufend eingeladen irgendwo mit irgendjemanden einen Joint zu rauchen (was er NATÜRLICH abgelehnt hat), dann kamen irgendwelche “Bürgermeister” vorbei, die meinten, wir sollten in Ihren Läden essen und nicht das Essen unseres Caterers.

Cool waren auch die Leute aus der harten linken Szene, die Morgens, als Til noch in der Maske sass, ankamen, und von Ihm Rechtfertigung verlangten, warum er eine Wohnung in einem ehemals besetzten Haus gekauft hatte (was Til nicht wusste zu dem Zeitpunkt, als er die Wohnung kaufte). Das war am ersten Drehtag in Berlin – und der erste Tag, bei dem Til mit Perücke aus der Maske kam und sowieso recht aufgeregt war. Jeder, der etwas mit Film zu tun hat, weiß, dass Schauspieler am Morgen mit Samthandschuhen angefasst werden müssen. Denn niemand weiß, was Nachts war, ob sie sich für die erste Szene gut vorbereitet haben, ob sie Probleme mit Ihrem Kostüm hatten. It could be anything!! Mit anderem Worten: eine emotional aufreibende Konfrontation war definitiv nicht förderlich am ersten Drehtag.

Die Szene auf dem Funkturm war deswegen etwas kompliziert, weil es darum ging, dass Til und Jana die ferngesteuerten Motorflugzeuge fliegen, die Dinger aber ab einer gewissen Windgeschwindigkeit praktisch unlenkbar werden… und zwar schon bei Windstärke 2. Am Drehtag war natürlich Windstärke 5. Eins der Flugzeuge ist dann auch tatsächlich gegen eines dieser kugelförmigen Dächer gekracht – im Film haben wir das nicht rausgeschnitten. Dieser Unfall war also nicht gestellt. Wir fanden dass letztlich so gut, dass wir den zweiten Flieger, sehr zum Zorn der Amateurflieger, die die Dinger in Wiklichkeit lenkten, auch noch daran zerschellen liessen.

Ganz witzig fand ich auch, dass Marcs Wohnung von unserem Produktiondesigner, Ralf Küfner, in einem Haus eingerichtet wurde, das zum Abriss stand. Das hatte für uns den Vorteil, dass wir in jeglicher Hinsicht komplette Gestaltungsfreiheit hatten. Als der Besitzer des Hauses vorbeikam, um mal vorbeizuschauen, traute er seinen Augen nicht. Die Müllhalde hatte sich in eine mehr oder weniger charaktervolle Wohnung mit Stuckelementen verwandelt. Die nächsten 10 Tage – ich schwöre, dass das wahr ist – kam der Besitzer mit einem potentiellen Käufer nach dem anderen ans Set um Ihnen zu zeigen, was in dem Haus für ein Potential steckt.

Eine besonders schwerer Shot war der Shot (natürlich ebenfalls gleich am ersten Drehtag) in der letzten Szene, in der die Kamera von einem close up auf die Beinprothese, die die Fahrradpedale tritt, hochschwenkt auf Til’s Gesicht. Das wollten wir natürlich ohne zu schneiden drehen (z.B. hätte man den Close-up auf die Prothese mit einem Double drehen können und dann auf das Close-Up von Til schneiden). Das hiess aber, dass die Beinprothese nachträglich in der Post-Production, also digital, eingesetzt werden musste. Das Schwierige bei diesem Dreh war die Ansage des VFX Departements, dass sich der Winkel der Kamera im Verhältnis zum Bein nicht verändern durfte (das wiederum hieß, dass der Kamerawagen die exakt gleiche Geschwindigkeit fahren muss wie das Fahrrad), und dass der Schwenk nur ein paar Sekunden lang sein durfte. Jede Sekunde länger bedeutet tausende Euro mehr für die digitale Effektarbeit. Wir hatten dafür vielleicht zwei Stunden kalkuliert, brauchten aber einen halben Tag (also den Tag am Tourmalet, an dem wir noch drei Heli-Shots vorhatten… siehe meinen letzten Eintrag). Die Arbeit von Pixomondo ist aber schlussendlich phantastisch geworden. Pixomondo ist die Visual Effects Firma, die auch die Effekte beim Roten Baron gemacht hat.

In der Club-Szene, in der sich Til, als Pirat verkleidet, betrinkt, war auch Stephen anwesend. Irgendwie hat die Kombination aus dem Wiedererleben eines Moments, der sich wirklich so zugetragen hatte und dem stroboskopischen Licht bei Stephen einen schlimmen Anfall von Phantomschmerzen verursacht.

Bei der Hafenszene war ganz witzig, dass wir die Szene, in der Til die Geschichte erzählt, eigentlich auf einem ca. 50 Meter hohen Krahn angesetzt hatten – aber irgendwie vergessen hatten, ihm davon zu erzählen. Jedenfalls kam Til ans Set, sah den Krahn, und meinte “Da geh ich nicht rauf. No way! Ich hab’ tierische Höhenangst”.

Torsten: “Ja ja, schon klar. Aber nichts was so’n Held wie Du nicht überwinden könnte, richtig?”.

Wir kletterten mit Til zusammen ca. 1/3 der steilen Leiter hoch – aber es ging nicht. Wir einigten uns anschließend darauf, die Szene auf vielleicht 5 Meter Höhe auf der Treppe zu beginnen. Und dann kommt der Deepak Charakter ans Set (also der einzig andere Darsteller der mit Til in dieser Szene ist), sieht die Schauspieler-Markierungen und sagt: “No fucking way! Da geh ich nicht rauf!”. Er hatte noch schlimmere Höhenangst als Til. Also haben wir die Szene noch weiter nach unten gelegt. Die Kameraeinstellung war dann so, dass man praktisch nicht sehen kann, wie hoch wir auf dem Krahn sind.

Der mit Abstand schwierigste Dreh war am Tourmalet. Das ist ein 2,100 Meter hoher Berg in den französischen Pyrenäen und eine der berühmtesten Etappen der Tour de France. Die Fahrt da hoch ist ca. 19 Kilometer und hat an manchen Stellen Steigungen von bis zu 10,2%. Ich wollte auf jeden Fall, dass auf dem Gipfel die Sonne scheint, wenn Marc da oben mit seinem Fahrrad ankommt. Schliesslich ist das das Schlussbild und soll dem Zuschauer Hoffnung vermitteln. Wenn es da regnet oder eine tiefe Wolkendecke hängt, hätte das ein völlig anderes Gefühl beim Zuschauer hinterlassen.

Je tiefer es in den Herbst geht, desto schlechter wird das Wetter da oben auf dem Berg und deswegen hatten wir diesen Drehtag sogar 10 Tage vor dem offiziellen Drehbeginn in Berlin angesetzt (Anfang Oktober). Schon beim Location Scouting waren Chau (mein DP) und ich dort gewesen und wir hatten praktsich den Berg nicht sehen können, weil es regnete und total vernebelt war. Wir sassen in der Lobby des Hotels und mussten uns auf einer Landkarte und Postkarten anschauen, wie es um uns herum ausieht. Ich hoffte also, dass beim Dreh alles anders sein würde.

Es ist noch zu sagen, dass für die ganze Sache nur ein Drehtag geplant war und wir den Helikopter auch nur für einen Tag gechartert hatten. Der Pilot hatte viele Etappen der Tour de France begleitet und war extra aus Paris eingeflogen. Auch die spezielle Kamera für diesen Dreh hatten wir nur einen Tag – und aus Kostengründen konnte auf keinen Fall verlängert werden, falls das Wetter schlecht werden würde. Um ehrlich zu sein: wir diskutierten noch 24 Stunden vor Abflug von Berlin nach Toulouse darüber ob wir den Dreh nicht sicherheitshalber um ein halbes Jahr verschieben sollten.

Wir kamen also irgendwann dort an und es hat praktisch horizontal geregnet. Am ersten Drehtag war die Nebel- und Wolkendecke so dicht, dass der Helikopter auf gar keinen Fall hochgehen konnte und der Wind auf dem Gipfel war lebensgefährlich. Wir drehten also erstmal ohne Heli im dichten Nebel unten am Berg, in der Hoffnung, dass sich der Nebel später verziehen würde und wir dann am späten Nachmittag das letzte Bild oben am Gipfel im Sonnenschein drehen könnten. Mittags, immer noch im Nebel, konnten wir uns entscheiden, ob wir den Helishot canceln… oder unser Leben zu riskieren. Zum Glück war der Pilot ein klassischer französischer Draufgänger und Chau ist zwar kein Draufgänger aber letztlich eben beinhart – und so sind wir drei dann eingestiegen und haben verdammt geile Helishots gemacht – allerdings ohne Sonne.

Am Ende des Drehtags war noch immer keine Sonne in Sicht und ich war total frustriert. Das letzte Bild von Til am Gipfel sah total scheisse aus. Grau in Grau. Am nächsten Morgen, also Abreise- und definitiv kein Drehtag, schaue ich als erstes aus dem Fenster…. und ich sehe wie die verdammte Wolkendecke aufbricht – zumindest am Gipfel. Beim Frühstück ahne ich schon, dass der Gipfel über der Wolkendecke in der prallen Sonne liegen könnte. Torsten, der 1st Ad, ahnte, was ich denke, war eine halbe Stunde später oben und meldete per Walky Talkie “Geile Sonne hier oben”. Ich fahre schnell mit Chau auch nach oben um mich zu überzeugen. Es ist inzwischen so 10 Uhr morgens und die Autos stehen praktisch zur Abfahrt bereit, um den Flieger in Toulouse zu erwischen.

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Ich zu Torsten:

“Ich würd’ gerne den Shot von gestern nochmal drehen. Wo ist Til?“
„Der schläft noch!“
„Was meinst Du wie er auf aufwecken reagieren wird?“
„Hm..schwer zu sagen.“
„Sag mal ehrlich.“
„Ok. Nicht gut. Der hat ziemlichen Husten!“

(Das stimmte. Til hatte ‘ne tierische Erkältung und hatte in der Höhe am Gipfel nach dem x-ten Take tierisch gestöhnt und gehustet)
„Und die Produzenten?“
„Na ja, die werden nicht begeistert sein.“
„Wer ist jetzt da unten, der Til aufwecken könnte?“

Torsten nahm sein Handy und erwischte den 2nd AD. Eine halbe Stunde später stand Til oben auf dem Berg und sagte trocken “Ok, let’s do this!”. Wenn man bedenkt, dass die Fahrräder und Kostüme etc. schon eingepackt waren, dann war das eine echte Meisterleistung.

Der letzte Shot ist der Hammer geworden. Gleissendes Licht von hinten auf Til, im Hintergrund die dramatischen Gipfel des Tourmalets und unterhalb die weissen Wolken.

Allerdings hatte ich am nächsten Tag eine Kriesensitzung mit den Produzenten über das Drehverhältnis: 1:50 (Bei den Heli-Shots waren wir so voller Adrenalin gewesen, dass ich praktisch nie “Cut” gerufen hatte).

Schauspieler bedienen sich ganz unterschiedlicher Methoden, um während den langen Wartezeiten bei einem Dreh (also in der Zeit, in der umgebaut oder umgeleuchtet wird) locker zu leiben, sich zu entspannen oder vorzubereiten. Manche hören mit Kopfhörern Musik und hören ganz gezielt Songs, die eine bestimmte Emotion fördern. Andere machen Atemübungen, gehen Joggen, oder Rauchen. Stipe geht z.B. auf und ab, spielt die Szene im Kopf oder auch laut durch, macht Dehnübungen, Jana macht viel mit Musik, hat auch eine Gitarre am Set. Was auch immer einem Schauspieler entspannt und hilft ist in der Hinsicht ok.

Til macht, bis kurz bevor der Regisseur “Action” sagt, Witze (oft versauter Natur) oder verarscht irgendjemanden. Das ist immer guter Natur und für mich ist das wie gesagt völlig ok. Es hilft ihm, in dem Moment, wo die Kamera läuft, frisch und natürlich zu sein. Es gibt aber auch Regisseure, die denken, der Schauspieler würde die Sache nicht Ernst nehmen und fühlen sich in so einer Situation verunsichert und sagen Sachen wie “Jetzt reiss Dich mal zusammen!”. Meiner Meinung nach ein sicheres Rezept, damit ein Schauspieler sofort verkrampft. So ein Regisseur versteht nicht den Stress, den ein Schauspieler beim Dreh empfindet. Es ist wichtig als Regisseur, dem Schauspieler diesen Stress zu nehmen und eine Atmosphäre zu schaffen, in der ein Schauspieler sich geborgen und sicher fühlt.

Jedenfalls hatte Til zu irgendeinem Zeitpunkt des Drehs einen Gameboy entdeckt. Ich glaube es war eigentlich Lunas und Til hatte Ihn ausgeliehen. Schnell war Tils Ehrgeiz erwacht. Til macht wie gesagt immer alles 150%, und so war es auch hier. Klar, der Gameboy entspannte ihn und ich muss zugeben, dass Til während des Drehs verdammt viel zu tun hatte – vor allem weil er parallel noch in der Post-Production von Keinohrhasen war, Pressetermine, Photoshooting usw. machte und teilweise nur wenige Stunden Schlaf pro Nacht bekam. Der Gameboy hatte ihn dermaßen gepackt, dass er praktisch nichts mehr um ihn herum wahrnahm. In den Krankenhausszenen, in denen er oft lange im Bett liegen musste, während die Maske und die VFX Leute an Ihm rumhantierten spielte er mit dem Gameboy buchstäblich noch ein paar Sekunden, nachdem ich bereits “Action“ gerufen hatte – um den Gameboy dann schnell unter der Bettdecke zu verstecken. Nach “Cut” griff er sofort, wie im Fieberwahn nach dem Gameboy, um das Spiel zu Ende zu spielen. Nun ja, mit der Zeit nervte das vor allem die Maske und die VFX-Leute, die Schwierigkeiten damit hatten, ihn für den Shot fertig zu machen. Teilweise stand das Team herum und wartete darauf, dass Til mit einem Spiel fertig war.

So kam es dann irgendwann zu dem Punkt, an dem Til und ich eine kleine “Aussprache” hatten. Ich bat das Team, das Set zu verlassen und Til respektierte sofort mein Anliegen. Die ganze Sache dauerte nur ein paar Minuten und Til wusste sofort, in welcher Position ich mich als Regisseur befand. Er ist selber Regisseur und ich glaube, er hat in der Sekunde sofort umgeschaltet und meine Situation verstanden. Er steckte den Gameboy weg und rührte Ihn nichtmehr an. Für den Rest des Drehs.

Dafür wurde Torsten dann wieder verstärkt von Til auf die Schippe genommen.

Die Atmosphäre beim Dreh war phantastisch – sagen jedenfalls alle. Das lag zum Einen daran, dass wir einfach ein wahnsinnig harmonisches, sympathisches Team hatten. Zum anderen war Stevo bei den gesamten Vorbereitungen und auch beim Dreh anwesend und die Leute haben gemerkt, dass dieser Film etwas Besonderes ist. Dass er ernst und authentisch sein würde.

Ich hatte vorher schon etwas Bammel (aber nicht viel!) davor, dass Til vielleicht zu übermächtig sein würde und ob sich – da er ja selbst Regisseur ist - zurückhalten kann, was die ganze Inszenierung angeht. Aber er war extrem respektvoll und hat sich durchweg nur als Schauspieler gesehen.

Jeden Morgen fuhren Torsten Künstler (der Regieassistent) und ich zusammen im Auto, um Chau abzuholen. Danach stieg Anna Slaba, zuständig für Continuty, dazu, und gemeinsam fuhren wir zum Set. Diese drei Leute sind die wichtigsten Ansprechpartner eines Regisseurs während des Drehs, und es ist sehr vorteilhaft, wenn man in dieser Kombination zum Set fährt, weil es einem die Gelegenheit gibt, nochmal über verschiedene Dinge vor dem Drehtag zu sprechen. Shot Lists, Probleme mit Schauspielern, Locations oder einfach neue Ideen die man in der Nacht gehabt hat kommen dabei zur Sprache.

Wenn ich am Set ankomme trinke ich als erstes einen Espresso. Das Catering ist wichtig und in diesem Fall war es erste Klasse. Danach gehe ich zu den Schauspielern, die zu dem Zeitpunkt in der Maske sitzen, um zu checken wie die Stimmung ist. Hat Til gut geschlafen? Sitzt die Perücke? Gibt es Fragen zu den Szenen, die am Vormittag gedreht werden sollen? Meistens bleibe ich nicht länger als eine halbe Stunde und gehe dann erst zum Set. Der Ablauf ist immer gleich. Am Set spreche ich nochmal kurz die Shots mit Chau und Torsten durch und warte darauf, dass die Schauspieler zu den Rehearsals bereit sind. Jeder Schauspieler ist anders. Manche proben gerne, andere weniger gern. Manche geben Dir bei den Rehearsals 90%, manche nur 10%. Aber niemals gibt jemand 100%, was auch nicht empfehlenswert ist, da die Gefahr besteht die “Frische” des Schauspiels bereits vorher zu “verbrennen”. Es ist schwer einzuschätzen, wie weit jemand von einer guten Performance entfernt ist, wenn Du weisst, dass er Dir grundsätzlich nur 10% bei den Rehearsals gibt. Der große Vorteil daran, vor Drehbeginn ausführlich zu rehearsen, ist eben der, dass man dann einen Maßstab hat und bei jedem weiß, wie die Performance am Ende sein wird.

Wenn man also erst kurz vor Drehbeginn die ersten Rehearsals hat – wie bei uns der Fall – ergibt sich praktisch erst während der ersten Takes die Performance. Die fehlende Zeit für Rehearsals sollte man AUF JEDEN FALL mit langen, intensiven Gesprächen über das Buch und die Charaktere weit vor Drehbeginn kompensieren. Es kann und darf nicht passieren, dass Diskussionen über die Motivation einer Figur oder die Aussage einer Szene erst während des Drehs aufkommen. Wenn das passiert, ist man in richtigem Trouble. Wertvolle Zeit geht verloren, aber vor allem auch Deine Glaubwürdigkeit als Regisseur beim Team ist im Arsch. Schließlich richten sich zu jeder Zeit die Augen mehrerer Dutzend wartender Teammitglieder auf Dich, und wenn diese merken, dass die Schauspieler keine Ahnung haben, was sie machen sollen, dann hast Du als Regisseur versagt. Zum Glück hatten wir diese Gespräche vorher gehabt.

Nun weiß ich, dass Til z.B besser bei den ersten Takes ist und nach ca. drei Takes die Lust verliert, da er seinen Instinkt und seine Frische in Gefahr sieht, und dass Stipe im Kontrast dazu mit jedem Take besser wird. Das heißt also, dass ich in Szenen, in denen Beide spielen mit den Takes auf Til anfange, und Stipe “Off-Camera” habe um Til “anzuspielen”. Das hat den Vorteil, dass Stipe sich “Off-Camera” warmspielen kann und Til “On-Camera” eine “frische Performance” geben kann. Na ja, das sind letztlich keine großen Geheimnisse, aber für diejenigen, die nicht im Filmgeschäft sind, vielleicht Dinge, die ganz interessant sind.

Es haben sich während des Drehs ein paar gute Achsen gebildet. Eine war z.B. zwischen dem 1st AD I (ich sage immer 1st AD weil ich das aus den USA so gewohnt bin; gemeint ist Regieassistent). Torsten Künstler und dem Oberbeleuchter, genannt Benji. Die beiden sind sehr witzig und haben sich durchgehend gegenseitig verarscht. Beide hatten so eine Art Gummi-Marionette, die man sich über den Finger zieht und haben damit stundenlang irgendwelche Gags inszeniert – immer während des Umleuchtens. Das ganze steigerte sich während des Drehs, bis daraus ganze Photostories und später auch Videostories entstanden.

Für mich ist es sehr wichtig, dass die Atmosphäre entspannt ist. Das hilft nicht nur mir, sondern auch den Schauspielern sich zu entspannen.

Die Harmonie des Teams hat ganz klar große Auswirkungen auf die Schauspieler. Der 1st AD, Torsten war meistens auch der Regieassistent von Til – das war ein Vorschlag von Barefoot and I fucking love the guy!!! Torsten ist immer gut drauf, Kölscher Humor, alles geht immer (“wird gemacht, Chef!”– “läuft bereits, Chef!”). Ich wünschte ich könnte jeden Film mit Ihm machen…aber da hat wahrscheinlich Barefoot die Hände drauf….

Alle anderen habe ich praktisch “gecastet” – da ich ja in Deutschland nicht viele Leute kenne. Eine der großen Entdeckungen in der Hinsicht war auf jeden Fall Martina Matuschewski, die Cutterin, die auch ein ganz grandioser Mensch ist und der ich auch voll vertraue. Die sagt immer knallhart Ihre Meinung, ist kompromisslos, ehrlich, geradlinig und verdammt talentiert. Mit Ihr würde ich immer wieder gerne zusammenarbeiten.

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