Die Atmosphäre beim Dreh war phantastisch – sagen jedenfalls alle. Das lag zum Einen daran, dass wir einfach ein wahnsinnig harmonisches, sympathisches Team hatten. Zum anderen war Stevo bei den gesamten Vorbereitungen und auch beim Dreh anwesend und die Leute haben gemerkt, dass dieser Film etwas Besonderes ist. Dass er ernst und authentisch sein würde.
Ich hatte vorher schon etwas Bammel (aber nicht viel!) davor, dass Til vielleicht zu übermächtig sein würde und ob sich – da er ja selbst Regisseur ist - zurückhalten kann, was die ganze Inszenierung angeht. Aber er war extrem respektvoll und hat sich durchweg nur als Schauspieler gesehen.
Jeden Morgen fuhren Torsten Künstler (der Regieassistent) und ich zusammen im Auto, um Chau abzuholen. Danach stieg Anna Slaba, zuständig für Continuty, dazu, und gemeinsam fuhren wir zum Set. Diese drei Leute sind die wichtigsten Ansprechpartner eines Regisseurs während des Drehs, und es ist sehr vorteilhaft, wenn man in dieser Kombination zum Set fährt, weil es einem die Gelegenheit gibt, nochmal über verschiedene Dinge vor dem Drehtag zu sprechen. Shot Lists, Probleme mit Schauspielern, Locations oder einfach neue Ideen die man in der Nacht gehabt hat kommen dabei zur Sprache.
Wenn ich am Set ankomme trinke ich als erstes einen Espresso. Das Catering ist wichtig und in diesem Fall war es erste Klasse. Danach gehe ich zu den Schauspielern, die zu dem Zeitpunkt in der Maske sitzen, um zu checken wie die Stimmung ist. Hat Til gut geschlafen? Sitzt die Perücke? Gibt es Fragen zu den Szenen, die am Vormittag gedreht werden sollen? Meistens bleibe ich nicht länger als eine halbe Stunde und gehe dann erst zum Set. Der Ablauf ist immer gleich. Am Set spreche ich nochmal kurz die Shots mit Chau und Torsten durch und warte darauf, dass die Schauspieler zu den Rehearsals bereit sind. Jeder Schauspieler ist anders. Manche proben gerne, andere weniger gern. Manche geben Dir bei den Rehearsals 90%, manche nur 10%. Aber niemals gibt jemand 100%, was auch nicht empfehlenswert ist, da die Gefahr besteht die “Frische” des Schauspiels bereits vorher zu “verbrennen”. Es ist schwer einzuschätzen, wie weit jemand von einer guten Performance entfernt ist, wenn Du weisst, dass er Dir grundsätzlich nur 10% bei den Rehearsals gibt. Der große Vorteil daran, vor Drehbeginn ausführlich zu rehearsen, ist eben der, dass man dann einen Maßstab hat und bei jedem weiß, wie die Performance am Ende sein wird.
Wenn man also erst kurz vor Drehbeginn die ersten Rehearsals hat – wie bei uns der Fall – ergibt sich praktisch erst während der ersten Takes die Performance. Die fehlende Zeit für Rehearsals sollte man AUF JEDEN FALL mit langen, intensiven Gesprächen über das Buch und die Charaktere weit vor Drehbeginn kompensieren. Es kann und darf nicht passieren, dass Diskussionen über die Motivation einer Figur oder die Aussage einer Szene erst während des Drehs aufkommen. Wenn das passiert, ist man in richtigem Trouble. Wertvolle Zeit geht verloren, aber vor allem auch Deine Glaubwürdigkeit als Regisseur beim Team ist im Arsch. Schließlich richten sich zu jeder Zeit die Augen mehrerer Dutzend wartender Teammitglieder auf Dich, und wenn diese merken, dass die Schauspieler keine Ahnung haben, was sie machen sollen, dann hast Du als Regisseur versagt. Zum Glück hatten wir diese Gespräche vorher gehabt.
Nun weiß ich, dass Til z.B besser bei den ersten Takes ist und nach ca. drei Takes die Lust verliert, da er seinen Instinkt und seine Frische in Gefahr sieht, und dass Stipe im Kontrast dazu mit jedem Take besser wird. Das heißt also, dass ich in Szenen, in denen Beide spielen mit den Takes auf Til anfange, und Stipe “Off-Camera” habe um Til “anzuspielen”. Das hat den Vorteil, dass Stipe sich “Off-Camera” warmspielen kann und Til “On-Camera” eine “frische Performance” geben kann. Na ja, das sind letztlich keine großen Geheimnisse, aber für diejenigen, die nicht im Filmgeschäft sind, vielleicht Dinge, die ganz interessant sind.
Es haben sich während des Drehs ein paar gute Achsen gebildet. Eine war z.B. zwischen dem 1st AD I (ich sage immer 1st AD weil ich das aus den USA so gewohnt bin; gemeint ist Regieassistent). Torsten Künstler und dem Oberbeleuchter, genannt Benji. Die beiden sind sehr witzig und haben sich durchgehend gegenseitig verarscht. Beide hatten so eine Art Gummi-Marionette, die man sich über den Finger zieht und haben damit stundenlang irgendwelche Gags inszeniert – immer während des Umleuchtens. Das ganze steigerte sich während des Drehs, bis daraus ganze Photostories und später auch Videostories entstanden.
Für mich ist es sehr wichtig, dass die Atmosphäre entspannt ist. Das hilft nicht nur mir, sondern auch den Schauspielern sich zu entspannen.
Die Harmonie des Teams hat ganz klar große Auswirkungen auf die Schauspieler. Der 1st AD, Torsten war meistens auch der Regieassistent von Til – das war ein Vorschlag von Barefoot and I fucking love the guy!!! Torsten ist immer gut drauf, Kölscher Humor, alles geht immer (“wird gemacht, Chef!”– “läuft bereits, Chef!”). Ich wünschte ich könnte jeden Film mit Ihm machen…aber da hat wahrscheinlich Barefoot die Hände drauf….
Alle anderen habe ich praktisch “gecastet” – da ich ja in Deutschland nicht viele Leute kenne. Eine der großen Entdeckungen in der Hinsicht war auf jeden Fall Martina Matuschewski, die Cutterin, die auch ein ganz grandioser Mensch ist und der ich auch voll vertraue. Die sagt immer knallhart Ihre Meinung, ist kompromisslos, ehrlich, geradlinig und verdammt talentiert. Mit Ihr würde ich immer wieder gerne zusammenarbeiten.